Zweiter 'Zahltag!' in Köln (Mülheim)

Wenn der „Kunde“ gar nichts kaufen will

Am 03.12.2007 führten protestierende Erwerbslose in der ARGE Mülheim den 'Zahltag!' ein, forderten ihr Geld, aber auch ihr Recht. Das martialische Polizeiaufgebot an Fahrzeugen gleich neben der ARGE versuchte eine ÜBERmacht zu demonstrieren, die Polizisten selbst hielten sich im Sinne einer Deeskalationsstrategie zurück, um Bilder prügelnder „Bullen“ gegen Erwerbslose - wie beim ersten 'Zahltag!' geschehen - zu vermeiden.

„Hör auf, mich Kunde zu nennen!“, schrie es ein Aktivist des 'Zahltags!' einem Herrn ins Gesicht, bei dem es sich um ARGE-Geschäftsführer Josef Ludwig höchst selbst handelte. Und er erklärte Ludwig vor laufender Kamera (ARD) auch plausibel, warum der Begriff „Kunde“ im Zusammenhang des Verhältnisses zwischen ARGE und Erwerbslosen zynischer nicht sein kann.
Solange es nicht gerade um die Vermittlung von Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt geht (Und darum geht es bei der ARGE in aller Regel NIE!) handelt es sich bei allen Terminen im Rahmen der so genannten Mitwirkungspflicht um oft mühselige, nervige, entwürdigende Angelegenheiten, als müsste der Staat hier ARGE-Mitarbeiter und Erwerbslose gleichermaßen einfach nur beschäftigen. Da sind sich alle gleich, die „Entlohnung“ freilich ist unterschiedlich.

Erwerbslosigkeit ist immer und in erster Linie ein Problem der Ökonomie und des politischen Willens, die aus der Perspektive der Betroffenen weder frei wählbar, geschweige denn so einfach veränderbar wären. Somit wird der Erwerbslose zum Spielball, auf dessen Rücken mal dieses, mal jenes Modell ausgetragen wird. Aber „Kunde“?

„Game over“ – zurück auf 'Start'

Der Begriff „Kunde“ ist dem Jargon der Unternehmensberaterbranche entlehnt und soll suggerieren, wie gut es ARGE mit jemanden meint, der bis zu zwei Mal im Jahr mit seinen Kontoauszügen beweisen muss, dass er nicht kriminell ist. Kontokarte, Krankenkarte, Mietbescheinigung vorlegen, vom „Orientierungs-Service“ zum „Front-Office“, zum „Back-Office“ und wieder zurück, ggf. Hausbesuche erdulden, ins Profiling geschickt werden, zum psychiatrischen Dienst oder zum 1-Euro-Job verpflichtet. Wer das volle Programm durchlaufen hat darf zurück auf „Start“ oder rutscht in die Sanktionsfalle. Eine Runde aussetzen! War da nicht mal irgendwas mit „König“, wenn's um den Kunden geht?

Es ist Verarsche und zudem eine recht billige! „Und so soll sich die Aktion 'Zahltag!' ...“, bringt es eine junge Demonstrantin auf den Punkt, „nicht nur darauf beschränken, sich gemeinsam die zustehenden Leistungen zu erstreiten, sondern auch die Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, sich nicht mehr länger verarschen zu lassen.“

„... sich nicht mehr verarschen lassen!“

In ca. 20 Fällen konnten die Anliegen betroffener Erwerbsloser am 03.12.2007 zu ihren Gunsten geklärt werden. Beispielhaft soll hier eine Frau Erwähnung finden, deren Ansprüche seit Monaten mit Anträgen und Widersprüchen innerhalb der ARGE ignoriert wurden. Am „Zahltag!“ konnten ihre Forderungen mit Hilfe einiger Beistände und des Drucks auf dem Flur in effektiv 30 Minuten erkämpft werden. Sie hat mit Nachzahlungen der ARGE in nicht unwesentlicher Höhe zu rechnen. Geld – und zwar ihres! –, um das sie vorher regelrecht beraubt worden ist, sofern sie es nicht zum Leben nutzen konnte und jede Klärung – der Verdacht drängt sich auf – systematisch verhindert wurde. Scheißegal, welche Wirkung auch nur EIN Tag ohne oder mit zu wenig Geld bei einzelnen Menschen – und oft sind Kinder mit involviert – nachhaltig hinterlassen kann! Verhält man sich so gegenüber seinen „Kunden“? Pfui, vergesst es!

Bilder von Anarchosyndikalismus.org


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