Elfriede Jelineks Stück in Köln – Eine Rezension

Viel zu oft sind wir zum Zuschauer degradiert bei inszenierter Politik und inszenierter Demokratie. Es scheint an der Zeit, die Zuschauerränge zu verlassen, um zur Tat zu schreiten.

VerteilaktionDies dachten sich engagierte Menschen der „Soziale Kämpfe“-Vollversammlung, der auch KEAs angehören, als sie bereits mehrfach viele Hundert "Rezensionen" einem dankbaren und vielleicht sogar aufgewühlten Publikum des Schauspielhauses als Anregung in die Hand drückten.
Mit schwarzen Piratentüchern und weißen Theatermasken entern sie unregelmäßig während der Spielzeit des stets ausverkauften Stücks die Eingangszone des Schaupielhauses.

SCHATZ, WIR MÜSSEN MAL REDEN
Elfriede Jelinek und Karin Beier: "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz"
Eine Rezension

Keiner weiß was. Keiner hat Schuld. Sorgfalt wird entsorgt. Und alle sind begeistert. So und ähnlich kommentieren die KritikerInnen die Aufführung, die Sie soeben gesehen haben. Was für eine Inszenierung! Grandios! So grandios wie die Wirklichkeit.

Wir sehen: Die Katastrophe kennt kein Maß und macht keinen Sinn. Sie geschieht. Wir wissen: Sie hat Ursachen - menschliches Versagen. Dieses aber ist nicht selten schlicht unmenschliches Verhalten. Maßlose Verantwortungslosigkeit. Herrenmenschenmentalität, getarnt als Regierungs- und Entscheiderhandeln. Mit Mandat.

Und wir? Applaus für eine gelungene Inszenierung als Katharsis im Angesicht realer Katastrophen? Begeisterung über intensives Theatererleben als Ausdruck der Empörung? Einhelliger Jubel als Ersatz für unser Aufbegehren?

Die Kölner Inszenierung greift über das Bühnengeschehen hinaus, sie umfasst die Zuschauerränge und inszeniert auch uns, das Publikum. Elfriede Jelinek und mit ihr Karin Beier halten uns, dem Publikum, den Spiegel vor: Wir sind und bleiben, was wir sind – Zuschauende, Applaudierende, Mandatsvergeber. Und all zu selten nur empörte Akteure."Was meinst Du, Erde, ob wir nicht eher ein Grundproblem haben?", lässt Jelinek fragen. Wir meinen: Ja.

VerteilaktionDer menschgemachten Katastrophen Zahl lässt sich über das Stück hinaus beliebig erweitern - ein atomares Endlager, ein Kopfbahnhof, ein Kölner Schauspielhaus-Neubau ... . Auch die sozialen Katastrophen unserer Zeit - Hartz IV/Leyen I, Bankenrettung, Privatisierung und kommunales Totgekürze - erscheinen uns, zunächst, naturgewaltig. Nun wissen wir: Gewaltsam ja - von Natur jedoch keine Spur. Ihre Planer und Macher, die - wie im Stück - nie sichtbar werden wollen, weisen entgegen dem Verursacherprinzip jede Verantwortung weit von sich, regieren in die Katastrophe hinein, aus ihr heraus und neue herbei. Mandatsgetreu. Zunehmend aber werden die Zuschauerränge der politischen Alltagsinzenierung verlassen. In Frankreich, Gorleben und Stuttgart
auch. Das Publikum steht auf - nicht zum Applaus, jedoch zum zarten Aufbegehren.

Verlassen auch wir die Zuschauerräume. Ya Basta! Es reicht! Die
Inszenierung menschgemachter Katastrophen ist lang noch nicht vorbei -
und nicht nur diesmal trifft es uns. Die Betroffenen treffen sich.
Und wir beginnen, das eigene Theater auf die Straße zu tragen.

Von Heiner Müller wissen wir:
"Der Aufstand beginnt als Spaziergang. Gegen die Verkehrsordnung während der Arbeitszeit. Hier und da wird ein Auto umgeworfen ..."

Einige ZuschauerInnen (aus der Rolle gefallen)

V.i.s.d.P. Soziale Kämpfe Vollversammlung- Fotos: Jochen Lubig
Montag, 6.12.2010 um 19 Uhr | autonomes zentrum köln | Wiersbergstraße 44