Landtagswahl 2010 im Kölner Rathaus

KEA-Ratsreporter Hansi Hirsch 'vor Ort'

Das Volk hat gesprochen! Naja, zumindest die Hälfte davon. Trotz der Brisanz dieser Wahl (oder gerade deswegen?!) gab es eine denkbar unterirdische Wahlbeteiligung und ein sehr spannendes Ergebnis mit einem Kopf-an-Kopf-Finale, vielen Emotionen, einem offenen Ende und vor allem: viel Alkohol.

Um die Stimmung im Land und den Parteien einzufangen, mischte ich mich am Wahlabend unter das Parteivolk im Kölner Rathaus. Als ich eintraf wurden gerade die ersten Hochrechnungen des Abends verlesen und es wurde schnell klar, dass es sehr spannend wird, wer denn nun in Zukunft das Zepter in NRW in die Hand nehmen darf. Die beiden großen Verlierer des Abends standen aber schon nach der ersten Hochrechnung fest.

Die Apokalypse für die Christdemokraten? Vorsicht: Das hat man bei der SPD ja auch schon mal prophezeit und jetzt: „Sie ist wieder da!“

Das schlechteste Wahlergebnis der CDU aller Zeiten in NRW. Mickrige 34,6 Prozent (in Köln sogar nur 27,58 %). 10,3 % verloren! König Rüttgers war geprügelt, gedemütigt und gestürzt. Als ich die Stimmung im Garten des Rathauses einfangen wollte, in dem sich die schwarze Partygemeinde versammelt hatte - und das teuerste Buffet des Abends kredenzt wurde - wies mich ein junger Christdemokrat in Schnöselmanier, aber in feinstem Gewand, darauf hin, dass dies hier eine Wahlveranstaltung der CDU sei und dass solch gewöhnlicher Pöbel wie ich wohl nicht “auf der Liste" stehen könne. Als ich ihm meinen Presseausweis unter die Nase hielt und er feststellte, dass ich zudem wohl auch noch erwerbslos bin, vermischte sich die ohnehin schon betretene Miene mit Ekel, aber ich durfte passieren. Auf der "Party" ein ähnliches Bild. Betretene Mienen, viel Schweigen, viel Wein, um sich den Frust von der Seele zu spülen, und eine Video-Leinwand von der gerade Hannelore Kraft grinste.

Die Party geht weiter – Ein "3-minus-Abend“

Durch die Garten-Party so richtig angeheizt, wollte ich natürlich direkt wissen, wie die Party beim gelben Koalitionspartner so abgeht, schließlich hatte man sich um unglaubliche 0,5 % auf 6,7 % (in Köln sogar 7,7 %) verbessert. Meine Erwartungen wurden um Längen unterboten. Vor dem Eingang ein bescheidenes Buffet mit Frikadellen und Schnittchen und ein Fäßchen voll Kölsch. Offenbar sind die Zeiten der Finanzkrise und spät-römisch dekadenter Sozialschmarotzer nun schon so hart, dass man sogar an der Verköstigung sparen muss. Mir bot sich ein Bild der 'großen Depression' und des Leides. Man hörte das Wehklagen über die Verschuldung unseres Landes und die Fehler der anderen Parteien. Auf die Frage, was man vom Abend hielte, machte man dann jedoch gute Miene zum bösen Spiel. "Es war ein 3-minus-Abend", erklärte man mir. Denn, obwohl man die Mehrheit im Bundesrat verloren hatte und nun in Berlin sehr schwierige Zeiten bevorstehen, müsse man die Sache optimistisch sehen und sich an den 0,5 % Gewinn erfreuen. Man wollte sich die Party also nicht vermiesen lassen, doch als ich zum zweiten Mal das Zimmer der FDP-Fraktion betrat, waren die Besucher auf zählbare 16 geschrumpft - eine Stunde später, als ich ein letztes mal die Party besuchen wollte, war diese schon beendet. Meine Party-Note: 5 minus.

Eine zufriedene Linke

Die Party der Linken lief nahezu am bürgerlichsten ab. Es floss viel Kölsch, dazu wurden Hühnerbeine und belegte Brötchen gereicht. Emsig wurde sich durch Statistiken geklickt und die aktuellen Ergebnisse an die Wand gebeamt. 5,6 % (in Köln 6,53 %), der Einzug in den Landtag war geschafft. Man klopfte sich zufrieden auf die Schulter und richtete sich auf einen langen Abend ein. Ein guter Moment also, um sich für eine richtige Wahl-Sause warm zu trinken.

Außnahmezustand beim roten-grünen Karneval

Wer an diesem Abend so richtig auf den Putz hauen wollte, war in der rot-grünen Partymeile am Besten aufgehoben. Wo man auch hinschaute sah man fröhliche, ausgelassene Menschen in Ekstase, die sich Hektoliter an Kölsch in die Birne knallten. Angesichts eines Zugewinns von 5,9 % bei den Grünen und damit quasi die Verdoppelung des Ergebnisses zur Wahl vor 5 Jahren auch kein Wunder. Bei 12,1 % (in Köln gar 20,6 %) lacht das grün-ökologische Herz - man ist wieder wer in NRW!

Ein ähnliches Bild auch einen Raum weiter bei den Genossen der SPD. Vergessen waren die rauen Zeiten als man für das "Vermittlungsproblem" Hartz IV Prügel kassierte. Vergessen waren all die "Fehler" der Vergangenheit - frohlockend und jauchzend feierte man den Siegeswahlzug. 34,5 % (in Köln 30,98 %) - und damit sogar leichte Verluste - waren Grund genug, mir in die Seite zu stoßen, mich beinahe aggressiv zum Schunkeln aufzufordern, mir zuzuprosten und die strahlend weißen Zähne den Kameras zur Schau zu stellen. Das Rat(toll)haus war am beben. Aber warum eigentlich?

Koalitions-MauMau kann beginnen

Zwar mögen sich die Einen oder die Anderen an den tollen Ergebnissen erfreuen, doch wer mit wem in den nächsten Jahren regieren wird, ist noch völlig unklar. Denn egal wie man es dreht und wendet und egal mit welchen Buntstiften man den Landtag auch anmalen möchte, was bis jetzt fehlt, ist eine eindeutige Mehrheit. Diese hätte nur eine große schwarz-rote Koalition und wäre sicher nicht der „Wir-sind-wieder-da-Befreiungsschlag“ der SPD. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass sich SPD und Grüne die Linke mit ins Boot holen, sofern sie mit Katerstimmung nach der großen Sause wieder zur Besinnung … nein, lassen wir das.

Was war eigentlich mit ...?

Er wurde als "Tag der Abrechnung" groß angepriesen. (Und das am Muttertag!) Die Altparteien wollte man abwracken. Schluss sollte mit der Überfremdung und Islamisierung unserer guten, bürgerlichen, deutschen Kultur sein. Naja, man konnte sich über das Erreichen der 5 %-Hürde (mit 5,8 %) in Bergheim(!) freuen. ProNRW hat wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass Hochmut bekanntlich vor dem Fall kommt und man Niederlagen trotzdem wie Siege feiern kann/muss. Ich gratuliere an dieser Stelle zum Mut zur Dummheit und hoffe auf weitere solcher "Abrechnungen" in der Zukunft. Ob nun am Muttertag oder auch nicht!