'Zahltag!' bei Eröffnungsfeier – Du hast keine Chance, also nutze sie!

Sozialdezernentin Marlies Bredehorst„Die Chance“, nennt sich ein hoch gepriesenes Pilotprojekt in Köln-Chorweiler. Anlässlich der offiziellen Eröffnung vor geladenen Gästen und Presse kam es am Nachmittag des 20.05.2009 zu Störungen und Protesten von um die 20 Aktiven der 'Zahltag!'-Bewegung und aus dem Spektrum selbstorganisierter Erwerbsloser (Die KEAs). Sozialdezernentin Bredehorst (rechts im Bild) und andere mussten ihre Laudatio auf Hartz IV mehrfach unterbrechen. Was als nicht öffentliche Veranstaltung geplant war, wurde – so gut es ging – veröffentlicht.

Das Projekt nennt sich „Sozialprojekt“, darüber hinaus viel versprechend „Die Chance“ und richtet sich an die Zielgruppe Jugendlicher unter 25 bzw. noch jüngerer Schüler oder Schulabgänger. Im Projekt integriert sind zahlreiche Institutionen, wie das Sozialamt, das Jugendamt, das Gesundheitsamt, die Bundesagentur für Arbeit und – sic! – die ARGE.

Wo ARGE drauf steht, ist auch ARGE drin!

Es ist tatsächlich nicht ganz einfach, hier eine kritische Analyse des Projektes durchzuführen. Im Rahmen der eigentlich permanent im Raum stehenden Bedrohungslage sozialer Unruhen, reagiert die Politik in logischer Konsequenz, ihren Fuß in soziale Brennpunkte zu bekommen und bedient damit natürlich auch ein Stück weit öffentlicher Sicherheitsbedürfnisse. Und dennoch beißt sich die Katze in den Schwanz, angesichts des politischen Kochrezepts: Man nehme 'Hartz IV', inklusive einiger Brisen 'Arbeitszwang', 'Sanktionen' und die üblichen 'Ämter-Schikanen', spitze somit die sozialen Widersprüche der Gesellschaft zu und weise dann auf die noch verbliebenen wenigen „Chancen“ hin.

Das Büro „Die Chance“ hilft Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der Vermittlung in z.T. einjährige Praktika für 0 Cent die Stunde oder in den Markt-Schlager '1-Euro-Job', darüber hinaus das Komplett-Angebot diverser Trainingsmaßnahmen der vielen Beschäftigungsträger in Köln. Schon Schüler werden hier auf eine Zukunft mit Hartz IV vorbereitet und in die Verfolgungsbetreuung integriert.

TransparentZudem fungiert „Die Chance“ hier als harmlos daher kommende Schnittstelle Hartz-IV-betroffener Eltern und deren Kindern. Immerhin: Die Betroffenen jungen Menschen sind dann so ziemlich beschäftigt und von der Straße weg; ihre Daten sind gespeichert im Netz zwischen allen beteiligten Institutionen und möglicher Weise ist – bei „Gefahr in Verzug“ – auch eine Kooperation mit der Polizei denkbar, was alles in allem ein wesentliches Anliegen des Projektes sein dürfte. Hier werden Menschen und ihre sozialen Bindungen kontrolliert und sicher soll es auch um so was wie „Erziehung“ gehen.

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass Projekte dieser Art punktuell einzelnen Menschen zum Vorteil gereichen. Die grundsätzliche Kritik der ungebetenen Störenfriede richtet sich nicht per se gegen soziale Projekte, sondern gegen die fehlenden Alternativen jenseits bzw. an Stelle von ARGE und somit Hartz IV. Eine tatsächlich ausreichende soziale Absicherung auch in Zeiten von Erwerbslosigkeit hat „Die Chance“ nicht zu bieten, statt dessen wirkt sie offensiv darauf hin, dass Menschen selbst für das Arbeitslosengeld noch arbeiten müssen. Damit vermitteln und damit manifestieren sie den gesellschaftlichen Stand der Betroffenen, nämlich: ganz unten!

Dort, wo das Projekt ansetzt, sind oft alle Messen bereits gelesen: Die Familien mitunter verarmt, die Schule (schief) gelaufen, kein Abschluss, kein Ausbildungsplatz und natürlich auch kein normaler Arbeitsplatz in Sicht. Hier und da ein mies bezahlter Drecksjob vielleicht. Das ist Sozialarbeit, die soziale Unruhen erkennen, befrieden oder im Keim ersticken will, aber die Ursachen nicht hinterfragen wird. Auf die Erfolgsquote trickreich geschönter Statistiken darf man gespannt sein.

Originalbericht: http://de.indymedia.org/2009/05/251295.shtml


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