'Zahltag!' in der ARGE Porz

Es reicht!

Über 30 Grad im Schatten und über 30 Aktivisten der 'Zahltag!'-Kampagne machten heute der ARGE in Köln Porz den Alltag etwas schwerer. Auf dem Vorplatz wartete das mobile 'Café Zahltag!' (Demnächst an wechselnden Orten in Köln!) mit Musik, Redebeiträgen, Kaffee und Frühstück auf. Im Gebäude nervten Vuvuzelas, Megaphone und jede Menge schwärmender KEAs, die als Beistände aktiv waren.

Trotz der oft kritisierten Zustände in der ARGE Porz, in der man heute einen kämpferischen Eindruck von Solidarität unter Betroffenen hinterlassen wollte, erweist sich die dort wartende Menge als sehr geduldige "Kundschaft". Über drei Stunden Wartezeit auf das eigene Recht mussten heute in Kauf genommen werden, einige, die von sogenannten Beiständen begleitet wurden, konnten jedoch die abkürzenden, geheimen "Dienstwege" nutzen.

Im Warteraum sitzt man zwar zusammen, bleibt aber mit seinem individuellen Problem - das aber kein individuelles ist, sondern uns alle betrifft - meist allein. Mag es Verängstigung sein oder Unverständnis auf Grund mangelnder Deutschkenntnisse, gelebte Einsamkeit, soziale Isolation und finanzielle Verarmung, mit diesen "Opfern" hat die ARGE ein leichtes Spiel und das sehen die Spielregeln auch so vor.

Café ZahltagDie Kommunikation zwischen Wartenden und Demonstranten blieb indes auch verhalten und wurde erst beim Kaffee außerhalb der ARGE bisweilen gelöster. Da fangen die Leute auch mal an zu schimpfen.
Dass das Personal in der Konfrontation mit 'Zahltag!' betont höflich und vermeintlich korrekt handelt, wundert die KEAs schon lange nicht mehr. Und völlig ohne Arroganz nahm man auch Hilfe an, wenn der Sachbearbeiter nicht mehr weiter wusste. Und vielleicht morgen schon wird wieder schikaniert? Dass es im Gespräch mit Betroffenen aber auch anders gehen kann und selbst für ARGE-Mitarbeiter bisweilen viel entspannter, wurde heute und an anderen 'Zahltagen!' bewiesen.

Soziale Unruhen? Wie hätten Sie's denn gern?

Die Sicherheitsfrau und angehende Diplom-Ingenieurin für "Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz" sah den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt, sofern ein Megaphon 85 Dezibel überschritten haben soll. Naja, angesichts der Anwesenheit auch von Kleinkindern mag dieser Hinweis nicht unberechtigt sein, die Beeinträchtugung wurde unterlassen. Aber wie bitte stellen die sich die in diesem Land zu erwartenden sozialen Unruhen denn vor?
Dass da eine Familie mit Kind und schwangerer Frau womöglich mittellos gelassen werden soll, weil sie übersah, dass der letzte Bewilligungsbescheid nicht über sechs Monate (wie üblich), sondern nur über vier glaufen ist, ist natürlich keine Körperverletzung. Das soll schlichtweg "Pech" sein und bedurfte letztlich die Vermittlung zwischen KEAs und Standortleitung, nachdem der zuständige Teamleiter entnervt geflüchtet war. (Hey, Ihr müsst erkennen, wo die Probleme sind - in dem Fall eine mittellose und somit existenziell bedrohte Familie - und solltet geschult sein, die Probleme zu beseitigen.)

Das eine und das andere "Recht"

KlagemauerDass Mitarbeiter der ARGE unter dem Druck der Aktivisten der 'Zahltag!'-Kampagne juristisch verbrieftes Recht durchsetzen, worauf zahlreiche hilfebedürftige Menschen zuvor lange Zeit vergeblich warteten, ist das Eine. Dass man trotz unverschuldeter Notlage und in Situationen, wo man unverschuldet mal eben kein Geld überwiesen bekam, die Demütigungen der langen Wartezeit, das Angebot von Lebensmittelgutscheinen und wo man vielleicht noch obendrauf einen Null-Euro-Job mit Sanktionsandrohungen hinterhergeworfen bekommt, alles geduldig und friedlich ertragen soll, betrifft das moralische Recht. Ganz zu schweigen, von den geplanten, massiven Kürzungen im Sozialetat dieses Landes.

Die 'Zahltag!'-Aktiven nehmen dieses moralische Recht für sich in Anspruch, aufzubegehren, sich zu solidarisieren und im Sinne von Notwehr die eigene Würde zu verteidigen.
So kommt es nicht von ungefähr, dass sich einige Aktivisten nach der 'Zahltag!'-Aktion zu einer Kölner Sparkassen-Filiale begaben, die Proteste gegen die Räumungsandrohung eines selbstverwalteten Autonomen Zentrums für Politik und Kultur zu unterstützen.

Soziale Unruhen? Yes, we can!